Mobiles and You

Von Menschen und Handys sowie nostalgischen Momenten. Erinnerungsnotizen an die Nachwelt.


Bei der Entwicklungsgeschwindigkeit der Handys muss, man anstelle einer Evolution, eher von einer Revolution sprechen. Das erste Mobiltelefon kam in den 1970er auf den Markt und das Teil war riesig, in der Größe eines Backsteins. Obwohl es bereits in den 1990er Prototypen von touchscreenfähigen Handys gab, wurde das, was die meisten heute unter einem „Smartphone“ verstehen, erst im Jahr 2000 vermarktet. Zunächst wurde diese „neue“ Sorte Handys immer kleiner. 2013 kam ein Gerät heraus, dass den heutigen Begriff Smartphone wohl am ehesten gerecht wird, das Apple iPhone (vgl. t-online.de).

Das war nach meinem Schulabschluss. Ich wuchs also so gut wie ohne die Smartphone-Ära auf oder den anschließenden Hype um touch– und internetfähige Handys – die für die heutigen Jugendlichen ganz alltäglich sind – und ich vermisse ich dies damals auch nicht. Heute kann ich mir selbst kaum noch ein Leben ohne Smartphone vorstellen. Jeder Deutsche scroll laut Studie aus dem Jahr 2019 jeden Tag 173 m auf seinem Smartphone. Damit liegen wir erschreckender Weise angesichts der Länge noch unter dem europäischen Durchschnitt.

Ich gehöre der Generation Z an und die gelben Telefonzellen, die bereits aus dem heutigen Stadtbild verschwunden sind, waren als Teenager noch Teil meiner Lebensrealität, ebenso wie die sogenannten „alte Kochen“ oder Klapphandys. (Die heutige Jungendgeneration heißt Generation-Corona, damit hatten wir großes Glück bei der Namensvergabe). Meine Generation zählt zu den sogenannten Millennials, die letzte Altersgruppe, die ohne Smartphones aufwuchs, ohne Snapchat oder TikTok, Pinterest, Instagram, Twitter, Facebook und co. Ein paar Mitschüler machten damals noch von dem Vorgänger sowie Instant-Messaging-Dienst ICQ gebrauch und nur einige wenige besaßen später ein Smartphone.

Mein erstes, aus damaliger Sicht „normales“ Handy (ohne Touch, eines von den unzerstörbaren Dingern) bekam ich, als ich in die 5. Klasse kam. Es war ein Nokia und ich musste es mir mit meiner Schwester teilen. Daher war ich stolz als ich ein paar Jahre später mein erstes eigenes Mobiltelefon erhielt, auch ein Nokia aber nicht mehr in schwarz-weiß, sondern in Farbe! Auf diesem man konnte statt Snake das populäre Abenteuerspiel Diamond Rush Angkor Wat spielen. Heute haben 6 Prozent der Kinder in Deutschland im Alter von 6 bis 7 Jahren bereits ein eigenes Smartphone, berichtet das Statistikportal Statista.com. Bei den 12-13-jährigen sind es schon 75 Prozent. 

Wir mussten und damals als Kinder keine Sorgen darüber machen, ob das Internet einmal zu langsam sein könnte oder, ob im Urlaub das WLAN funktioniert. Wir quetschten uns noch mit unseren Eltern in eine Telefonzelle, um mit der Oma zu sprechen, da es zu teuer geworden wäre mit dem Handy aus dem Ausland zu telefonieren. Wir waren dabei der Hingucker für die Einheimischen. Heute gibt es anstelle der „sprechenden Knochen“ sogar sprechende Uhren. Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom befinden sich in den Schubladen der Deutschen ca. 200 Millionen alte Handys und Smartphones (vgl. marktforschung.de). Man will sich nicht von den Gegenständen trennen, mit denen man schließlich so viel Zeit verbracht hat, an denen viele Erinnerungen hängen, und in welchen eine Menge alte Fotos oder andere Dateien stecken. Worüber sich bei dem Horten der Erinnerungsstücke selten jemand Gedanken macht, sind die Edelmetalle, die sich in den scheinbar „wertlosen“ alten Geräten befinden. Kaum jemand macht sich beim Kauf eines Smartphones Gedanken darum, ob es tatsächlich fair produziert wurde. Dabei herrscht um wertvolle Rohstoffe, wie Gold und Coltan, die für die Produktion von Handys benötigt werden, in der Demokratischen Republik Kongo ein Bürgerkrieg. Das internationale katholische Hilfswerk misso schreibt:

Rebellen führen im Kongo seit Jahren einen grausamen Krieg um wertvolle Rohstoffe, die für die Handyproduktion gebraucht werden. Frauen, Männer und Kinder in den Minenregionen werden Opfer der Gewalt.

missio: Aktion Schutengel

Tonnen von Erz werden abgebaut, um an die Rohstoffe zu gelangen, Menschenleben und Umwelt zerstört. Daher sollte man sich bei der nächsten Handysammel- oder Recyclingaktion gefühlsmäßig von seinen alten Mobiltelefonen lossagen:

Eine Möglichkeit, um alte Handys loszuwerden, ist neben den Sammelaktionen anderer Gemeinnütziger Organisationen, die Aktion-Schutzengel von missio. Seit 2017 wurden auf diese Weise wenigstens 145.000 alte Mobiltelefone gesammelt, nur ein Bruchteil wenn man an die ca. 200 Millionen in unseren Schubladen denkt. Die Woche der Goldhandys findet in diesem Jahr vom 07. – 15. November 2020 statt. Man kann die Handys an bundesweiten Annahmestellen abgeben oder einsenden (vgl. missio-hilft.de). Bis dahin bleibt noch genug Zeit um alte Dateien zu speichern. Dies war noch nie so einfach wie heute, dann weg mit den Goldhandys! Früher schloss man Smartphones noch mit Kabel an den PC an, um auf Daten zuzugreifen, richtig old school, so mein Freund. Heute befindet sich meist alles online gespeichert, die Frage ist nur wo, in welchen Clouds oder auf welchen Messengern. Die Trennung mag letzten Endes schwer fallen, ich verstehe das, denn nach einer langen gemeinsamen Zeit hieß es nun auch Abschied nehmen von meinem treuen Begleiter, dem Samsung Galaxy S 5 mini.

Es war mein erstes Smartphone und wir gingen durch dick und dünn. Das für mich damals revolutionäre Ding funktionierte schon seit längerem nicht richtig. Das Handy hatte bereits einen neuen Akku aber ging zu den ungünstigsten Momenten trotzdem ständig aus, und nicht wieder an. Übergangsweise bekam ich zunächst das erste Smartphone meines Freundes, ein Sony Ericsson Xperia. Nach all den Jahren funktionierte es zwar noch, aber die Apps, welche für die heutige Kommunikation unabkömmlich sind, wie u.a. Telegram oder WhatsApp waren in ihrer Version nicht mehr betriebsbereit. Daher entschloss mich schließlich schweren Herzens für ein neues Modell. Erinnert ihr euch an die Zeiten, als man noch mit den „alten Knochen“ telefoniert hat? Und als man über Mobiltelefone noch ohne Internet kommunizierte, sondern nur mit Hilfe von SMS? Als man  nicht ständig erreichbar war oder es vorausgesetzt wurde, dass man es ist?

Ich will gar nicht anfangen von den früheren Telefonen mit Schnur dran oder von denen mit Wählscheibe. Eines dieser Modelle stand lange Zeit im Wohnzimmer meiner Eltern und war fest in der Wand verankert. Auf Kindergeburtstagen wurde ich von meinen Freunden oft gefragt, ob jenes grüne Ding überhaupt noch funktioniert oder nur Deko sei, gar ein Museumsstück wäre. Kaum einer von ihnen wusste es zu bedienen, denn die Kunst bestand darin möglichst schnell eine Zahl zu finden und die Scheibe schwungvoll bis zum Anschlag zu drehen. Blöd war es nur, wenn man sich verwählt hatte.

Zu meiner Schulzeit hatten die coolen Kids zusätzlich zu ihrem Mobiltelefon einen MP3-Player. Sie besaßen Klapphandys, die man aus den „Teeny-Retro-Filmen“ der 2000er kennt, wie 30 über Nacht oder A Cinderella Story. In diesem modernen Aschenputtel Märchen verliert die Protagonistin Sam, gespielt von Hilary Duff, auf einer Party statt eines Schuhs ihr Handy, das sie sich praktischerweise an ein Fußbändchen geklappt hatte. Heute brauchen Frauen schon allein wegen eines Handys ein Handtäschchen für unterwegs, zusätzlich zu dem anderen Kram, den wir immer dabeihaben müssen. Aber ich könnte schwören, dass wir kleinere Handtaschen benutzen würden, wenn die Smartphones wieder kleiner werden würden, statt größer und schwerer. Oder es wäre zumindest platzsparender für noch mehr Kram. Als Alternative könnte man sich sein Telefon wieder einfach unter den Rand des BH stecken, wenn man in seinem „kleinen Schwarzen“ unterwegs wäre. Breiter und dicker sind die Handys schon allein wegen Hülle und Panzerglasschutzfolie, ohne die sie viel zu schnell kaputt gehen würden. (Das erinnert mich in gewisser Weise an den Kauf von chicen Schuhen, die man zusätzlich mit Einlagen und Klebestücken modifizieren muss, damit sie passen). Mein Samsung Galaxy S 5 mini hatte bloß eine Größe von 4,5 Zoll! Mein neues Handy ist gefühlt einen Zentimeter größer. Man kann es daher nicht mehr einfach in einer Hand halten, um mit einem Daumen Nachrichten zu schreiben, sondern braucht beide Hände.

Gleich mehrere Generationen von Handys zu überspringen ist in vielerlei Hinsicht eine Umstellung, abgesehen von Gewicht und Größe. Ich brauche wohl noch etwas, um mich an das neue Gerät zu gewöhnen, denn es hat Dutzend neue Funktionen und man kann auf ihm in jede erdenkliche Richtung wischen. Heutige Smartphones haben sehr viel zu bieten, schon allein wegen der guten Qualität der Kamerabilder, früher benutze man noch kleine quadratische Digitalkameras. Vor ein paar Jahren konnte man einige Smartphones sogar noch hinten öffnen und den Akku austauschen, heute ist er fest verbaut. Damals hatten die Smartphones mehr Knöpfe z.B. am unteren Bildschirmrand oder sogar einen, um die Kamera auszulösen. Man benutze noch SIM-Karten statt Mikro oder Nano-SIM. Fast alle Geräte haben heute einen Fingerabdrucksensor. Das verwirrendes für mich war, dass sich das SIM-Kartenfach nicht mehr innen, sondern außen befindet. Auf meinem alten Smartphone musste ich nach und nach Apps löschen, damit es überhaupt noch Updates durchführen konnte. Ich war sehr minimalistisch, was die Nutzung von Programmen anging. Für das heute 100-fache an Apps, die man fast alle gar nicht braucht und die leistungshungrige Technik ist nun eine Speicherplatzkapazität von 64 GB Standard.

Das wars wohl erstmal mit meinem Minimalismus bei der Auswahl an Apps. Jetzt habe ich auch keine technikbezogene Ausrede mehr, um mit Tormund Harry Potter Wizards Unite zu spielen. Vielleicht hat er dann im Gegenzug Lust mit mir eine der neu installierten Yoga-Apps auszuprobieren …

Photo by Eirik Solheim on Unsplash.com

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